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In dieser Rubrik finden Sie  Portäts und Berichte zu Veranstal­tungen, Persönlich­keiten oder Initiativen aus dem Feld der Erinnerungs­kultur zwischen Kunst und Religion.

Aus Anlass der aktuellen Corona-Situation empfehlen wir hier ein Video von Cornelia Kestner, einer Künstlerin, die sich in ihrem Werk intensiv mit dem Thema des Erinnerns auseinandersetzt und auch an der unten vorgestellten formare-Ausstellung beteiligt war. Ihre Arbeit wird im Beitrag des letzten Vierteljahres von Oktober 2020 bis Januar 2021 zur Formare 2017 in Rostock vorgestellt. Das Porträt von Andrea Schürgut finden Sie über den nach­folgenden Link ebenfalls weiterhin als PDF-Datei: Angewandt Kunst und Trauer­begleitung.

Eine Änderung: Der zum 1. Juni 2021 hier angekündigte Artikel zu Gedenken an die Wendezeit: Weltliche Kunst in der Lassaner Kirchengalerie wird als Thema des MonatsJuli unter Theologie parktisch erscheinen. Hier lesen Sie stattdessen einen ausführlichen Beitrag zum Thema Kunst der Erinnerung, der eine praktische mit einer theoretischen Perspektive verbindet.

Kunst der Erinnerung

 

 

Dieser Beitrag entspricht abzüg­lich kleiner Änderungen dem Auf­satz: Antje Mickan: "Sterb­lichkeit und Lebens­fluss", in: Wunder­kammern des Lebens. Das Kolumbarium DIE EICHE wird zum Erinnerungs­ort für eine neue Abschieds­kultur, Lübeck 2020, S. 52-61.

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Räume transzendenter Wirklichkeit zeigen

Eine Ästhetik oder Kunst der Erinnerung hat mit ihren Werken zum Toten­gedenken und Todes­gedenken auf Friedhöfen einen selbst­verständ­lichen Ort. Gräber – mehr oder weniger kunst­reich ange­legt – „kommuni­zieren“ Identitäts­zeichen der Verstor­benen: wer waren sie, mit wem verbun­den wurden sie wie erlebt und was soll von ihnen im Gedächt­nis quasi lebendig bleiben?[1] Dies geschieht über Gestal­tungs­elemente mit kulturell tradierter Bedeutung oder mittels einer indivi­duellen, teils nur für Ange­hörige aufschluss­reichen Formen­sprache. Eine solche Ästhetik zeigt selten Ein­deutiges, sondern weckt vielmehr beim Betrachten Assozi­ationen in verschie­dener, aber nicht belie­biger Richtung. In dieser Hin­sicht ist selbst das namenlose Rasen­grab keinesfalls bedeu­tungs­los und lenkt bei seinem An­blick auch die­jenigen Fried­hofs­gäste, die keine Erinnerung an konkrete Personen damit verbinden, leicht zu Gedan­ken an Werden und Vergehen schlechthin.[2] Über die Ein­bindung von Grab­anlagen in Land­schafts­archi­tektur können Zeichen­systeme ent­worfen werden, die als Spiegel einer anderen Welt versteh­bar sind.[3] Und neben dem personen­bezo­genen Grab- bzw. Erinnerungs­mal ist das zweite, im funeralen Raum auf­fällige Sujet, für dessen Um­setzung immer wieder auch Künst­lerinnen und Künstler engagiert werden, eben ein Memento mori. Es gilt den Lebenden – mit dem Effekt, dass diese von einem ima­ginierten Todes­zeitpunkt aus auf das gewesene ebenso wie auf das noch erwartete eigene Leben „zurück“ schauen und sich kritische Fragen stellen: Was kann der Mensch hoffen, wünschen, fürchten, in solch einem Moment an der Schwelle zum Tod zu erkennen? So kommt an ästhetisch gestalteten Begräbnis- bzw. Beisetzungs­orten einerseits die Erinnerung an die eigene Sterb­lichkeit und an bestimmte Verstor­bene in Fragen und ästhetischen Antworten zum mög­lichen Sein der Toten zusam­men. Anderer­seits werden aber auch Lebens­weisheiten kommu­niziert. Die Künstlerin Rune Mields beispiels­weise hat in der Künstler-Nekro­pole im Habichts­wald bei Kassel ihre eigene Grab­anlage als einen plastischen Aphoris­mus über die menschliche Existenz gestal­tet: „La vita corre come rivo fluente“ (Das Leben ver­läuft wie ein fließender Fluss) ist auf einem eckig-kurvigen Weg aus Marmor­quadern mit Blatt­gold­buch­staben zu lesen.[4] Diese Weis­heit charakterisiert in treffender Weise zugleich eine zentrale Eigen­schaft von Gedächtnis und Erinnerung, mit der wir uns im Weiteren befassen wollen: Fluidität.

Jenseits von Sepul­kral­kultur fällt im öffent­lichen Raum Kunst zur Erin­nerung an bestimmte Ereig­nisse von gesell­schaft­licher Bedeu­tung auf, wobei solche Werke mit der Funk­tion von Denk­malen[5] nicht nur in der bilden­den Kunst, sondern etwa auch in der Musik,[6] Theater[7] oder im Tanz[8] zu finden sind. Dieser Beitrag wird sich aller­dings auf das beson­dere Poten­tial bilden­der Kunst als Medium der Erinnerung – und zuvor noch als ein Medium zum Ver­deut­lichen von Funktions­weisen und Eigen­heiten des mensch­lichen Gedächt­nisses – konzen­trieren.[9]

 

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Formare 2017 in Rostock: Eine Kunstschau zum Reformationsjubiläum

Dieser Beitrag des letzten Vierteljahres steht Ihnen weiterhin als PDF zur Verfügung.

Porträt einer Keramikerin und Trauerseelsorgerin

Dieses Porträt der Vormonate finden Sie als PDF-Datei unter dem nach­stehenden Link:

Synthese aus angewandter Kunst und Trauerarbeit.

Fußnoten

[1] Vgl. Mickan, Antje: „… wenn ich irgendwo so ʼn Steinchen da hätte mit Namen“. Bestattungswünsche älterer Menschen. Eine praktisch theologische Untersuchung zu Altern, Sepulkralkultur und Seelsorge, Berlin 2015, S. 65-214; Dorgeloh, Annette: Überdauern und kollektives Gedächtnis. Grab und Memoria in Kunst und Gesellschaft um 1800, in: Klie, Thomas/Sparre, Sieglinde (Hg.): Erinnerungslandschaften. Friedhöfe als kulturelles Gedächtnis, Stuttgart 2017, S. 47-67.

[2] Vgl. A. Mickan: Steinchen, S. 188-209.

[3] Vgl. Fischer, Norbert: Vom Gottesacker zum Krematorium. – Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert, Köln, Weimar, Wien 1996, S. 55-58; Happe, Barbara: Die Entwicklung der deutschen Friedhöfe von der Reformation bis 1870, Tübingen, S. 217-222; A. Mickan: Steinchen, S. 83-94.

[4] Bemerkenswert ist bei diesem Werk zudem, dass die Buchstaben alle Primzahlen zwischen 1 und 100 anzeigen. Vgl. Stadt Kassel: https://www.kassel.de/buerger/ kunst_und_kultur/ parks_und_gaerten/ wilhelmshoehe/ sehenswertes/ nekropole.php (Zugriff 12.06.2019).

[5] Zum Denkmal als Medium der Erinnerung vgl. Siebeck, Cornelia: „Denkmale und Gedenkstätten“, in: Gudehus, Christian/Eichenberg, Ariane/Welzer, Helmut (Hg.): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2010, S. 177-183.

[6] Vgl. Rieper, Lena/Schmitz, Julian (Hg.): Musik als Medium der Erinnerung. Gedächtnis – Geschichte – Gegenwart, Bielefeld 2016. Als ein Werkbeispiel vgl. Tippett, Michael: „A Child of Our Time” und dazu Karwinkel, Guido: „Tippett: A Child of Our Time”, in: Leopold, Silke/Scheideler, Ullrich (Hg.): Oratorienführer, Weimar 2000.

[7] Vgl. Grossegger, Elisabeth: „Inszenierung von Gedächtnis auf der Theaterbühne“, in: Blume, Hermann u.a. (Hg.) Inszenierung und Gedächtnis. Soziokulturelle und ästhetische Praxis, Bielefeld 2014, S. 261-276.

[8] Vgl. Ritter, Madeline/Cramer, Franz Anton: „Bewegung als Erinnerung“, tanzfonds.de/magazin/artikel-bewegung-als-erinnerung/ (Zugriff 12.06.2019) sowie als ein Werkbeispiel Neumeier, John: „Nijinsky“, dazu vgl. kurz die Website des Hamburg-Balletts https://www.hamburgballett.de/de/spielplan/ stueck.php?AuffNr=153137 (Zugriff 12.06.2019) sowie den ausführlichen Artikel vom Sonnenburg, Gisela: „Virtuosität des Wahnsinns. Alexandre Riabko ist als ‚Nijinsky‘ beim Hamburg-Ballett der schiere Irrsinn – Toll!“, 25.09.2016, ballett-journal.de/virtuositaet-des-wahnsinns/ (Zugriff 12.06.2019).

[9] Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die auf einer Idee von Kurt Wettengl basierende Ausstellung des Frankfurter Historischen Museums in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt „Das Gedächtnis in der Kunst“, die vom 16.12.2000 bis zum 18.03.2001 in Frankfurt a. M. stattfand. Vgl. den um wissenschaftliche Beiträge erweiterten Katalog von Wettengl, Kurt (Hg.): Das Gedächtnis der Kunst. Geschichte und Erinnerung in der Kunst der Gegenwart, Ostfildern-Ruit 2000.

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Beachten Sie die Monatsthemen unter "Theologie praktisch" und viertel­jährlich wechselnde Artikel über Exemplarisches aus dem Feld der Erinnerungs­kultur zwischen Kunst und Religion! Im April startet eine Dokumentation über die sozio­dramatische Arbeits­gruppe der DFP-Zukunfts­werkstatt.