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Die Vorplanung wird konkret

Es steht ein Termin für das erste offizielle Zoom-Sozio­drama der Arbeits­gruppe Sozio­drama LAB des DFP:

Tragen Sie sich den 06. September 2021 (18-21 Uhr) schon einmal in den Kalender ein. Über das konkrete Thema wird Ende Juni 2021 entschieden. Sie erfahren davon auf dieser Seite. Die Anmeldung wird über die DFP-Website ermöglicht werden.

Auch wenn im September den analogen Begegnungen  (hoffentlich) weniger im Weg stehen wird, so ist ein Treffen zwischen Wien und Kiel oder noch darüber hinaus doch im Zoom-Raum ohne Reisezeit und Kosten leicht einzu­richten. Nach vielversprechenden Proben kann die Prognose nur lauten: es wird richtig gut werden, ab wenn irgendwas nicht klappen sollte. Imperferkt ist Psychodrama und das Leben sowieso.

Soziodrama-Labor im Zoom-Raum

Sozial­potitische Themen mit Methoden des Psycho­dramas angehen, das ist das Wesen des soge­nannten "Sozio­dramas". Im Rahmen der Zoom-Zukunftskonverenz des DFP am 11.Januar 2021 hat sich u.a. ein deutsch-öster­reichisches Team  gebildet, um die Möglich­keiten des digitalen Raums für sozio­dramatische Aktionen auszu­testen und dabei auch selbst in kritisch-kreativer Resonanz mit einander und der Gesellschaft zu bleiben. Bislang fanden an drei Abenden Experimente zu unterschiedlichen Themen in diesem Labor statt.

Im Februar ging es zunächst um eine Themen­sammlung. Es wurde erprobt, wie eine Erwärmung fürs Rollen­spiel vor dem Bild­schirm gelingen konnte, wie man sich hier eine Bühne einrichten und in Rollen darauf agieren kann. Als Setting für ein sozio­dramatisches Spiel wurde dann eine Talk­show zur aktuellen sozialen Lage gewählt, in der ein "Vertreter der Identitären", ein "Marxist", eine "Vertreterin der Grauen Panther" und eine "Ange­hörige der Schweigenden-Mehrheit" aufeinander trafen. Neben dem "Moderator" hatten auch das "Corona­virus", die "Ohnmacht" und die "Ver­zweiflung" aktiv als verkörperte Rolle am Geschehen teil. Die Integrationsphase nach dem Spiel musste angesichts begrenzter Zeit kurz ausfallen. Die Rückmeldungen zeigten dennoch deutlich, dass Soziodrama im Zoom-Modus zwar anders, aber auf jeden Fall möglich ist. Es war teils eine intensive Einfühlung in die Rollen geschehen und auch die Wahrnehmung der anderen Akteure hatte eigene Reaktionen provoziert, so dass sich facettenreiche Eindrücke und unerwartete Erfahrungen einstellten.

Das nächste Treffen fand am Welt­frauentag statt. Damit war das Motto für ein Spiel­experiment weit­gefasst schon gefunden, musste aber freilich noch auf ein umsetz­bares Thema an konkretem Ort mit konkreten Rollen konzentriert werden. Wir hatten uns vorgenommen, möglichst wiederum ein diverses Spektrum an Charakteren in einem Setting aufein­ander­treffen zu lassen, das sich so nicht nur im konstruierten Bühnen­raum findet. Die Wahl fiel auf ein Mehr­generationen­haus, in dem ein neuer Putzplan erstellt werden musste. Warum das Putzen doch immer noch ein spezifisches Frauen­thema ist, bei dem die Männerrollen fast überwiegend angenehmer zu verkörpern sind, zeigte sich beim Experiment an den Wahr­nehmungen in unter­schiedlichen Rollen. In der Surplus Reality der Zoom-Bühne trafen folgende typische Figuren aufeinander:

„Die Neue“ (muss viel arbeiten, um das Studium zu finanzieren), „der große Bruder“ (darf mehr als die Schwester); verwöhnter „BWL-Student“ (Feminist, aber trotzdem Macho); „Frau 40+“ (arbeitet freitags, hoher Sauberkeitsanspruch, Hang, die anderen zu verwöhnen), „Öko-Feministin“ (Politik ist wichtiger als Putzen; „Hausmeister“ (Macho).

Wir hatten schon etwas Übung, uns die Bühne einzu­richten. Die Requisiten und leichte Kostümierung beförderten das Ein­tauchen in eine Bühnen­wirklichkeit deutlich. Diesmal gelang es auch, noch so frühzeitig in Aktion zu kommen, dass ein Wechsel der Rollen möglich war. Dafür litt aber die Aus­wertungs­runde an nötiger Verkürzung. Für die Spiel­leitung (diesmal ein Zweierteam) bestand das Experiment eben auch darin, das nötige Maß an Rollen­einfühlung, Spiel­exploration und an­schlie­ßender Reflexion zu finden. Die Bedingungen hierfür zeigten sich doch als deutlich anders als in ana­loger Inter­aktion. Auch stellten wir bei der Aus­wertung fest, dass die Rollen­charaktere im Spiel sehr bei sich und ihren eigenen Problemen geblieben waren. Anzunehmen, dass diese Selbst­bezogenheit und abge­schwächte soziale Resonanz gerade auch in der Gesell­schaft mehr und mehr zur Heraus­forderung wird, stellt wohl keine besonders gewagte Hypothese dar. Im Spiel konnte dieser Umstand nun gewisser­maßen hautnah erfahren und schließlich auch reflektiert werden.

Das Soziodrama-LAB fünf Wochen später im April stand nun schon etwas unter dem Vorzei­chen der kommenden zweiten Zukunfts­konferenz am 19. April 2021, wo die Ergebnisse des Labors präsentiert und ein öffentliches digitales Soziodrama-Angebot zumindest in Roh­form vorange­kündigt werden soll. Die aktuellen Pandemie-Umstände ließen uns bei der Themen­wahl nicht viel Raum. Ihre Aufdringlichkeit war einfach zu groß. Ein Team­mitglied berichtete davon, dass in seiner heimat­lichen Großstadt es einen vielbesuchten See mit Rundweg gebe. Dieser Weg dürfe aktuell nur in einer vorge­schriebenen Richtung genutzt werden, ansonsten sind Ordnungs­kräfte im Einsatz, die relativ hohe Straf­gelder verhängen, und dies auch an Minderjährige. Das Team war sich schnell einig, dass gerade für Jugend­liche die Situation allmählich ein kaum zu ertragendes Ausmaß annehmen müsse, und wählte die beschriebene Szenerie als Setting für das Spiel-Experiment aus. Drei "Jugendliche": ein "links eingestellter Typ auf der Suche nach einem amourösen Erlebnis", ein "eher braver Jugendlicher mit ebenfalls amourösen Kontaktwünschen" und eine "corona-infizierte Jugendliche" kamen dort zusammen. Sie begegneten einer "älteren Lehrerin" und mussten sich mit einem "strikten Ordnungs­hüter" auseinandersetzten. Auch der „Romantische Trieb“ hatte eine Rolle erhalten und versuchte in dieser Situation die Menschen zu erreichen und in Beziehung zu bringen, was schließlich nicht gelang. Die Macht der Ordnungs­gewalt setzte sich gefühllos durch und verbreitete Frustration.

In der Aus­wertungsrunde zur Spiel­szene wiederholte sich die Wahr­nehmung vom Vormonat, dass wieder alle sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Die „Lehrerin“ hatte anfangs noch Verständnis gezeigt, ging dann aber doch in ein Argumentieren und Aufrufen zur Vernunft über. Was konnte ihr denn auch anderes in den Sinn kommen. Ohne Vernunft ist die gesellschaftliche Lage nicht organisierbar, ohne Mitgefühl nicht menschlich zu durchleben. Im Soziodrama-Team wurde die lange Rücksicht­nahme der jungen Menschen gegen­über den Älteren aner­kennend festgestellt und nach den Grenzen des Möglichen für Jugendliche gefragt. Die Rollen­erfahrung als Ordnungs­hüter war für die Akteurin, die diesen Charakter im Spiel übernommen hatte, besonders intensiv und erschütternd: Hier gab es keine inneren Konflikte, sondern ein Erleben davon, wie angenehm es sein kann, einfach den bürokrati­schen Richt­linien zu folgen und diese umzu­setzen. Es zeigte sich uns, dass die gesellschaft­liche Lagerbildung durch die Pandemie sich offenbar noch verschärfte. Dass sich insgesamt allerdings nicht wirklich ganz neue Probleme zeigten.

Noch ist kein Veranstaltungsformat fertig ent­wickelt. Es hat sich aber gezeigt, dass Soziodrama per Zoom ein Angebot ist, von dem zumindest auf der Mikroebene Impulse ausgehen können. Und das ist doch die Ebene, aus der die ganze Gesellschaft sich zusammen­setzt. Wo sollen wir beginnen, wenn nicht bei uns und bei unserem Blick auf die Welt.

Sobald ein öffentliches Soziodrama-Zoom-Angebot steht, wird auf dieser Seite davon berichtet werden.

Antje Martina Mickan

 

 

 

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Beachten Sie die Monatsthemen unter "Theologie praktisch" und viertel­jährlich wechselnde Artikel über Exemplarisches aus dem Feld der Erinnerungs­kultur zwischen Kunst und Religion! Im April startet eine Dokumentation über die sozio­dramatische Arbeits­gruppe der DFP-Zukunfts­werkstatt.