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Farbraum und Erinnerung

Rathkes Zeich­nungen wirken dynamisch, wo sich schwarze oder dunkel­blaue Linien verdichten auch finster. Die Be­deutung eines „schreienden Rots“ beispiels­weise lässt sich im Zusammen­spiel mit der Textstelle, „Rufe doch, was gilt’s ob jemand antwortet“ (Hi 5,1), in ganz neuer Weise erfahren und in erschüt­ternder Deutlich­keit mit seinem zerschun­denen Körper entblößt – aber aufrecht – erscheint der dem Leid ausge­lieferte Gerechte im Werk zu Hi 2,6.10,18: „Siehe da, er sei in deiner Hand. – Warum hast du mich aus Mutter­leib kommen lassen? Ach, daß ich wäre um­kommen, und mich nie ein Aug gesehen hätte!“ (Vgl. Abb. 2.) Aus­einander­stobende schwarze Knäuel mit wirren, losen Fäden teils noch verbunden sind entstanden zu: „So es aber an dich kommt, wirst du weich, und nun es dich trifft, erschrickst du“ (Hi 4,5). Die ver­bildlichten subjektiven Assozi­ationen des Künstlers aktivieren wiederum subjek­tive Assozi­ationen beim Publikum. Dabei erscheint diese Kunst frei auch dahin­gehend, dass sie religiöse, eventuell theologisch gebildete Subjekte nicht in eine rein huma­nistische Perspektive zwingt, sondern – unab­hängig von einer Frage nach der Intension des Künstlers – auch das Einbe­ziehen von Glaubens­vorstel­lungen und theolo­gischen Konzepten ins Deutungs­spiel ermöglicht. Die inten­siven Farben Rot, Schwarz, Blau, Weiß verbunden mit dem bedrängen­den Thema sprechen bei der Rezeption der Leidens­bilder in starker Weise ein körper­liches Empfinden und das vor­sprach­liche Körper­gedächtnis an.[1] Über die Bild-Texte kommen dann auch Impulse zu Kogni­tivem hinzu. Es ist kaum möglich mit allen Werken beim Aus­stellungs­besuch gleicher­maßen in Resonanz zu treten. Während der Künstler eine unbestimmte Zeit zur Erstellung seiner Zeichnungen zur Verfügung hatte, präsentiert sich dem Publikum der Zyklus hier in einem Ensemble – beim Ab­schreiten der Bilder vielleicht für eine knappe halbe Stunde – mit seiner ganzen Wucht. Und anders als das Hiob­buch in seiner letzten Fassung bietet die Aus­stellung einzelne Sequenzen zur Aus­einander­setzung, ohne aber auf ein konkretes Ziel, ein gutes Ende der Geschichte hinzu­steuern. Wer diese Aus­stellung besucht und wem sich Sinn­fragen in Bezug auf die mensch­liche Existenz, auf Schuld, Schuld­losig­keit oder Gerechtig­keit stellen, ist zunächst allein gefordert, diese zu lösen. Aber, die Macht, der sich Hiob gegen­über­sieht, heißt Gott, der Ort der Werk­prä­sentation ist eine Kirche. Damit sind Fragen und thema­tische Fokus­sierungen für mögliche An­knüpfungen in der Gemeinde­arbeit vorbe­reitet. Dabei bietet sich nicht allein der Ein­bezug einer exe­getischen Sicht auf den bearbeiteten Stoff an. Für Aus­stellungs­gäste, die sich gemeinsam mit anderen mit bio­grafischen Themen befassen wollen, beispiels­weise in einem kirchlichen Arbeits­kreis, in psycho­dramatisch arbeitenden Gruppen oder auch im Rahmen des Vikariats, präsentiert sich mit dieser Ver­anstaltung starkes impuls­gebendes Material. Dies sollte auf­grund der nicht vorher­sehbaren Kopplung des Zu-Sehenden mit eventuell trauma­tischen Eindrücken der Rezipierenden natürlich keinesfalls unbe­dacht zum Einsatz kommen.

Antje Martina Mickan

Eine Fort­setzung des Beitrags mit zwei weiteren Fall­studien und einem Resümee lesen Sie auf dieser Seite im Juli 2021.

Auerochs, Bernd: Die Entstehung der Kunstreligion, Göttingen 22009.

Bartoniczek, Andre: „Bilder“, in: Gudehus, Christian/Eichenberg, Ariane/Welzer, Helmut (Hg.), Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2010, S. 202-216.

Esser, Andrea: „Kunst als Symbolsystem“, in: Steinbrenner, Jakob/Scholz, Oliver R./Ernst, Gerhard (Hg.): Symbole, Systeme, Welten. Studien zur Philosophie Nelson Goodmans, Heidelberg 2005, S. 61-73.

Fischer, Joachim: „Gebaute Welt als schweres Kommunikationsmedium der Gesellschaft. Architektur und Religion aus architektursoziologischer Perspektive“, in: Karstein, Uta/Schmidt-Lux, Thomas (Hg.): Architekturen und Artefakte. Zur Materialität des Religiösen, Wiesbaden 2017, S. 49-69.

Fischer, Joachim: „Interphänomenalität. Zum Erscheinungsverhältnis von Gesellschaft“, in: Mickan, Antje/Klie, Thomas/Berger, Peter A. (Hg.). Räume zwischen Kunst und Religion. Sprechende Formen und religionshybride Praxis, Bielefeld 2019.

Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen, Frankfurt am Main 102017.

Goodman, Nelson: „Kunst in Aktion“, in: Steinbrenner, Jakob/Scholz, Oliver R./Ernst, Gerhard (Hg.): Symbole, Systeme, Welten. Studien zur Philosophie Nelson Goodmans, Heidelberg 2005, S. 33-42.

Goodmans, Nelson: Weisen der Welterzeugung, Frankfurt a.M. 31995.

Goodman, Nelson: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie, Frankfurt a.M. 1995, S. 15-17.

Gronau, Barbara: „Ausstellen und Aufführen. Performative Dimensionen zeitgenössischer Kunsträume“, in: Fischer-Lichte, Erika u.a. (Hg.): Die Aufführung. Diskurs – Macht – Analyse, München 2012, S. 35-48.

Käckenmeister, Thomas: „Außeralltägliche Performanz als Merkmal religionshybrider Phänomene“, in: Berger, Peter A./Hock, Klaus/Klie, Thomas (Hg.): Religionshybride. Religion in posttraditionalen Kontexten, Wiesbaden 2013, S. 203-216.

Löw, Martina: Raumsoziologie, Frankfurt a. M. 92017.

Mertin, Andreas: „Die Erfahrungsräume ‚Kunst‘ und ‚Religion‘. Überlegungen zu ihren Gemeinsamkeiten und Differenzen, in: Mickan, Antje/Klie, Thomas/Berger, Peter A. (Hg.). Räume zwischen Kunst und Religion. Sprechende Formen und religionshybride Praxis, Bielefeld 2019, S. 97-112.

Mickan, Antje: „Kunst-Religion. An den Grenzen des Unterscheidbaren“, in: Dies./Klie, Thomas/Berger, Peter A. (Hg.): Räume zwischen Kunst und Religion. Sprechende Formen und religionshybride Praxis, Bielefeld 2019, S. 207-231.

Mickan, Antje/Klie, Thomas/Berger, Peter A. (Hg.). Räume zwischen Kunst und Religion. Sprechende Formen und religionshybride Praxis, Bielefeld 2019.

Roth, Ursula: „‚Inszenierung‘ und darüber hinaus. Ein Beitrag zur praktisch-theologischen Inventur“, in: Konrad Merzyn, Ricarda Schnelle, Christian Stäblein (Hg.): Reflektierte Kirche. Beiträge zur Kirchentheorie, Leipzig2018, S. 169-193.

Riegler, Thomas: Es ist vollbracht. Kindermusical zur Passion, Leinfelden-Echterdingen 2008.

Rosa, Hartmut. Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.

Seidenschnur, Ulrike: „Kunst und Kirche im Lassaner Winkel. Galerie in der Kirche St. Johannis zu Lassan“, in: Mickan, Antje/Klie, Thomas/Berger, Peter A. (Hg.). Räume zwischen Kunst und Religion. Sprechende Formen und religionshybride Praxis, Bielefeld 2019, S. 175-188.

Soeffner, Hans Georg: „Bilder des Zen – Möglichkeitsräume“, in: Mickan, Antje/Klie, Thomas/Berger, Peter A. (Hg.). Räume zwischen Kunst und Religion. Sprechende Formen und religionshybride Praxis, Bielefeld 2019, S. 131-153.

Wüthrich, Matthias, Raum Gottes. Ein systematisch-theologischer Versuch, Raum zu denken, Göttingen 2015.

von Fischer, Kurt: Die Passion. Musik zwischen Kunst und Kirche, Kassel 1997.

Zybok, Oliver: „‚Am Nullpunkt der Religion‘. Kunst in der Kirche“, in: Mickan, Antje/Klie, Thomas/Berger, Peter A. (Hg.). Räume zwischen Kunst und Religion. Sprechende Formen und religionshybride Praxis, Bielefeld 2019, S. 113-129.

Witte, Markus: Hiobs viele Gesichter. Studien zur Komposition, Tradition und frühen Rezeption des Hiobbuches, Göttingen 2018.

 

Onlinequellen (alle zugegriffen am 31.05.2021)

www.alsfeld-evangelisch.de/musical-es-ist-vollbracht-a-2977.html

auf-nach-mv.de/kunstoffen

Büssing, Stefanie: „Dichtung als Zusammenspiel von Farbe und Form. Im Künstlerhaus Plüschow überträgt Udo Rathke literarische Inhalte in seine eigene künstlerische Formensprache“, in: Ostseezeitung, 08.09.2017, www.ostsee-zeitung.de/Mehr/Kunstboerse/Dichtung-als-Zusammenspiel-von-Farbe-und-Form

Büssing, Stefanie: „Hiobsbotschaften in ungewöhnlichem Ambiente. Bis zum 8. Oktober sind in der Petrikirche 40 Arbeiten des Künstlers zu sehen“, in: www.Ostseezeitung vom 11.09.2017, ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Kultur/Hiobsbotschaften-in-ungewoehnlichem-Ambiente

Groschupf, Margarete: Lassan, ich komme! Die kleine Stadt am Peenestrom, erschienen bei Deutschlandradio Kultur am 29.05.2016: www.deutschlandfunkkultur.de/lassan-ich-komme-die-kleine-stadt-am-peenestrom.942.de.html?dram:article_id=352595#top

www.harald-herzel.de

www.innenstadtgemeinde.de/evig/

www.kunstundkirche.com

www.kkd.nordkirche.de/stiftung-kunst-kirche/ueber-uns.html

Lange-Müller, Katja: „Letztes Loch vor der Hölle“, in: Der Spiegel 43/1996, S. 54-59, im Archiv von Spiegel Online: spiegel.de/spiegel/d-9108990.html

www.lassaner-winkel.de

peterglas.eu [letzter Zugriff 23.06.2019, am 31.05.2021 nicht mehr aktiv]

Schwarz, Rudolf: „Liturgie und Kirchenbau“, in: www.burg-rothenfels.de/fileadmin/Mediendatenbank/70_Wer_wir_sind/Burgbrief_konturen/konturen_Burgbrief_02_2004.pdf (letzter Zugriff 30.04.2019), S. 6-16.

www.theomag.de/09/pg1.htm

www.udo-rathke.de

www.wolkenbank-galerie.de/

 

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Fußnoten

[1] Zu Bildern als Medien der Erinnerung vgl. Bartoniczek, Andre: „Bilder“, in: Gudehus, Christian/Eichenberg, Ariane/Welzer, Helmut (Hg.), Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2010, S. 202-216, hier bes. 2012-214.

Erinnerungsfarben steht für kompetente Supervision, kreatives Psychodrama und wissenschaftliches Arbeiten.

Auf Erinnerungsfarben finden Sie fortlaufend neue Beiträge zu Theologie, Psychodrama und Erinnerungskultur.

Beachten Sie die Monatsthemen unter "Theologie praktisch" und viertel­jährlich wechselnde Artikel über Exemplarisches aus dem Feld der Erinnerungs­kultur zwischen Kunst und Religion! Im April startet eine Dokumentation über die sozio­dramatische Arbeits­gruppe der DFP-Zukunfts­werkstatt.