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Materialer Raum

Als direkten Zugang zum alt­testa­mentlichen Text­raum hat Rathke eine „antiquierte[] Version der Luther-Über­setzung“[1] zur Hand genommen. Für das Aus­stellungs­publikum spielt das durchaus eine Rolle, denn es wird infolge­dessen mit alter­tümlich anmutenden Formu­lierungen konfron­tiert, welche auf den Zeich­nungen selbst und im ausge­legten Begleit­material zu lesen sind. Die Bedeutung der Dimension Zeit, die Frage nach Spannungen zwischen dem aktuellen Jetzt und erinnerter Vergangen­heit, ist zudem durch die Platzierung der Bilder auf den Wänden mit teils abblät­ternder Farbe hervor­gehoben, also allein schon durch diese beiden Um­stände – alte Sprach­form auf alter Wand – die Relevanz von Zeit als ein wesent­licher Raum­aspekt aktiviert.[2] So war es der „morbide Charme“[3] des nörd­lichen, fast nur mit einem Altar möblierten Kirchen­schiffs von St. Petri, der Udo Rathke dazu bewegte, diesen Ort für seinen Zeichen­zyklus zu wählen. Für ihn sei hier „Energie“[4] geradezu spürbar. Zudem habe ihn an der Figur des Hiob besonders die Kraft beein­druckt, die dieser angesichts seines Leidens entwickle.[5]

Transformationen und Resonanzen

Zuerst beim Lesen, dann beim Schreiben tritt Rathke in leibliche Aus­einander­setzung mit dem Bibel­text. Er begibt sich in die identifi­zierende Sicht des leidenden Hiobs hinein, beginnt seine Zeich­nung aus dem Schreiben von Aus­sprüchen und trans­formiert aus der Einfühlung heraus das Wahrge­nommene in seine Sprache der Farben und bild­haften Formen.[6] Unab­hängig von der biblischen Sprecher­figur der je zitierten Fragen, Klagen, Belehrungen oder weisheit­lichen Antworten ist es stets die subjek­tive Perspek­tive, die Resonanz des leidens­fähigen Menschen auf diese Worte und Um­stände, welche die Arbeit anleitet und den Bild­inhalt aus­machen. Dieser Über­tragungs­prozess gleicht einem Auf­brechen der harten, linearen Text­struktur in einen zwei­dimensio­nalen und dennoch fluid erscheinen­den Bild­raum hinein. Die hinter Glas gerahmten Zeich­nungen sind schließlich auf den Hinter­grund der Kirchen­wände appliziert, sie tragen Nummern und können nun vom Publikum linear abge­schritten, quasi wie ein Bilder­buch gelesen und doch mehr oder weniger bewusst mit dem mitge­sehenen Kontext in Ver­bindung gebracht werden. Dabei werden in schillernder Weise die Sinne der Betrach­tenden ange­sprochen, emotionale Reaktionen und Erinnerungen provoziert, so dass im subjek­tiven Erleben neue Relationen zu anderen physischen und psychischen Räumen entstehen.

In einer Kette von Über­lagerungs­prozessen (der alte Text/die aktuelle Ein­fühlung des Künstlers – die alte Wand/das aktuelle Bild – das alte Thema/die aktuelle Empfin­dung und Erinnerung der Rezi­pierenden) werden Verbin­dungen über die Zeiten hinweg geknüpft. So performiert diese Ausstellung unter Mitarbeit der Rezi­pierenden das Thema Mensch­heit und Mensch­sein auf einer zeit­losen bzw. trans­temporalen Ebene mit der Erfahrung von Leid als einem wesent­lichen Charak­teristikum und Binde­glied.


 

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Fußnoten

[1] Büssing: „Hiobsbotschaften“.

[2] Dieser Aspekt korrespondiert mit den Ausführungen zur Bedeutung der Zeitdimension von Witte: Hiob, S. 81-100, so wäre für ein theologisch interessiertes Publikum bei einem Gesprächskreis zur Ausstellung ein Rekurs auf diese Text empfehlenswert.

[3] Büssing: „Hiobsbotschaften“.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Büssing: „Dichtung“.

[6] „Durch die Überlagerung verschiedener Strukturen hat sich der Text in eine Bildersprache übersetzt.“ Zitat Rathke in Büssing: „Hiobsbotschaften“.

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