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Transfor­mationen und Inter­ferenzen: Zeich­nungen zum Buch Hiob von Udo Rathke

Eine Ausstellung in St. Petri zu Rostock

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Vom 10. September bis 8. Oktober 2017 fand in der Rostocker St. Petri-Kirche eine Ausstel­lung mit Bildern von Udo Rathke, einem der renommier­testen bildenden Künstler Mecklen­burg-Vorpom­merns, statt.[1] Als Veran­staltungs­träger kooperierten die Galerie „wolken­bank kunst + räume[2] und die evange­lische Innenstadt­gemeinde Rostock[3] miteinander. Instituti­onelle Kunst und institutio­nelle Religion spannen also mit dieser Inter­aktion einen Rahmen auf, der Aus­sagen über kulturelle Konventi­onen der Deutung und Bedeutung zulässt. Galerie und Kirchen­gemeinde bringen außerdem Relationen zu unter­schiedlichen sozialen Netz­werken in das sich aus Anlass der Veran­staltung konsti­tuierende Beziehungs­gefüge ein.[4]

Öffentliche Kommuni­kation als Impuls für mögliche Raum­synthesen

Aus einer Perspek­tive des öffentlich Wahrnehm­baren auf­fällig ist bei der Aus­stellung Udo Rathkes in St. Petri eine Art Arbeits­teilung zwischen den aus­richtenden Institutionen. Während die Kirchen­gemeinde eher formal beteiligt scheint, indem sie das Nordschiff der St. Petri-Kirche zur Verfügung stellt, mit perso­nellen Mitteln Unter­stützung bei der Ein­richtung und Durch­führung leistet und auf die Aus­stellung öffent­lich hin­weist, steuert die Galerie auch Inhalt­liches bei. Sie lädt eine Lübecker Kunst­historikerin als Rednerin zur Eröffnung ein und formu­liert einen Infor­mations­text, der auch aktuell noch auf der Galerie­website zu lesen ist:

„Hiob, diese alt­testamenta­rische Figur, ist sprich­wörtlich für einen Men­schen als Spiel­ball höherer Mächte und Sinn­bild für das Ringen um seinen Glauben an eine Gerechtig­keit auch in unbegreif­licher Not. Diese Geschichte in der klaren und poeti­schen Luther-Über­setzung nahm Udo Rathke als Ausgangs­punkt für seinen Zeich­nungs­zyklus. ‚Es ist höher denn der Himmel; was willst du tun? Tiefer denn die Hölle; was kannst du wissen? Länger denn die Erde und breiter denn das Meer…‘ Wie dunkel kann eine Zeich­nung sein, bevor sie sich im vollkom­menen Schwarz verliert? Udo Rathke erkundet diese Frage aus­gehend von skriptu­ralen Bewe­gungen; aus dem Schreiben der Luther­zeilen heraus ent­wickeln sich die dichten, existen­ziell bedroh­lichen Räume seiner Zeich­nungen. Die Ausstel­lung leistet somit einen spannen­den, eigen­ständigen Beitrag zum Refor­mations­jahr.“[5]

In einer – möglicher­weise unter Mit­arbeit der Innen­stadt­gemeinde – etwas erweiter­ten Fassung führen diese Worte auch auf einem Infor­mations­poster in der Petrikirche in die Werk­präsenta­tion ein. Während die An­merkung zum Refor­mations­jubiläum hier aller­dings fehlt, sind Aussagen zur Arbeits­weise Rathkes und zur zeichen­haften Bedeu­tung der Farben ergänzt.[6]

Die ersten Infor­mationen zur Ausstel­lung werden ein größeres Publi­kum jedoch über die Ostsee­zeitung erreicht haben, und zwar erst­malig am 8. September 2017 inner­halb eines Interview­porträts Rathkes im Zusammen­hang einer Sonder­beilage zu Künst­lerinnen und Künstlern aus Mecklen­burg-Vorpom­mern,[7] dann am 11. September 2017 noch konkreter und umfas­sender in einem Artikel zum Ausstel­lungs­beginn.[8] Dort ist u.a. zu erfahren, dass Rathkes eigent­liches Sujet die Land­schaft sei,[9] er durch­aus auch Literari­sches schon früher als Inspirations­quelle nutzte[10] und sich mit den im Herbst 2017 präsen­tierten „Zeich­nungen zum Buch Hiob“ einen für ihn neuen Stoff vorge­nommen habe: „An eine derart hoch­rangige, Jahr­tausende alte Literatur habe ich mich anfangs gar nicht heran­getraut. Aber das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.“[11] Die Sache an sich hat demnach auch für Nicht-Theologen Faszi­nations­kraft. Wie er im Inter­view außer­dem mit­teilt, wurde Rathke zwar als Kind getauft, würde sich aber dennoch nicht als religiösen Menschen bezeichnen.[12] In Rostock, wo der weitaus über­wiegende Teil der Stadt­bevölkerung sich als nicht-religiös versteht, man gleich­zeitig aber mit Stolz von der Petri-, Nikolai-, und Marien­kirche als Zeugnisse der Geschichte (und Anziehungs­punkte für Touristen) spricht, eröffnet diese Positio­nierung höchst­wahr­schein­lich mehr Interesse, als sie ent­täuscht. Sie ist von der Redakteurin auch gleich als einleiten­des Zitat ihres Artikels zum Beginn der Aus­stellung verwen­det worden. Derselbe schließt dann wiederum mit einer ähnlich relati­vierenden Aussage zu Rathkes „Botschaft“. Diese sei „weniger im religiösen als im allge­mein huma­nistischen Sinn zu verstehen: ‚Es geht darum, das Leben trotz aller Widrig­keiten durchzu­stehen und nicht aufzu­geben, gerade in der heutigen Zeit‘“.[13] Die Taufe von Rathke (geb. 1955 in Greves­mühlen) gehört zu seiner Geschichte, dem damals (noch) Üblichen, wie auch die mit den alten Kirchen verbundene Religion zu dem gehört, was in früheren Zeiten von den Menschen als wahr ange–nommen werden konnte. So könnte eine unter der Leser–schaft der regionalen Presse weit konsens­fähige Stellung­nahme lauten und als Konzept dann auch die Deutung des Wahr­genommenen, mit Martina Löw gesprochen, die auf den Raum bezogene „Synthese­leistung“ beim Aus­stellungs­besuch mit an­leiten.[14] Der Künstler befasst sich seiner öffentlich kommuni­zierten Perspektive ent­sprechend mit antiker Kunst, mit Texten, die anthropo­logische Grund­ein­sichten in prosa­ischer und lyrischer Sprache zum Ausdruck bringen.

 

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Fußnoten

[1] Vgl. http://www.udo-rathke.de/ (letzter Zugriff 31.05.2021).

[2] Vgl. wolkenbank-galerie.de (letzter Zugriff 31.05.2021).

[3] Vgl.http://www.innenstadtgemeinde.de/evig/ (letzter Zugriff 31.05.2021).

[4] Zur Manifestation von Beziehungsgefügen als Bestimmung von relationalem Raum vgl. Wüthrich: Raum Gottes, S. 27-89.

[5]wolkenbank-galerie.de (letzter Zugriff 31.05.2021).

[6] „Jegliche illustrative Handlungsbeschreibung vermeiden ist es der Rhythmus des Textes im Verein mit der enthaltenen Botschaft, die Rathkes zeichnerische Bewegungen zu Bildern gerinnen läßt, welche auf nichts Fertiges zielen, sondern einen notathaften, fast spielerischen Charakter haben. Das dominierende Schwarz der pigmentierten Tinte oder des metallischen Graphits wird in den Zeichnungen von Rot und Blau sekundiert – Rot als Farbe von Feuer und Blut und Symbolfarbe des Lebens, Blau als Farbe des Himmels und Symbolfarbe des Geistes – Farben, die in der christlichen Ikonografie für den Weltzusammenhang stehen.“ Galerie wolkenbank kunst +räume in Zusammenarbeit mit der Evang.-luth. Innenstadtgemeinde Rostock: Informationsplakat im Ausstellungsraum.

[7] Vgl. Büssing, Stefanie: „Dichtung als Zusammenspiel von Farbe und Form. Im Künstlerhaus Plüschow überträgt Udo Rathke literarische Inhalte in seine eigene künstlerische Formensprache“, in: Ostseezeitung, 08.09.2017, www.ostsee-zeitung.de/Mehr/Kunstboerse/Dichtung-als-Zusammenspiel-von-Farbe-und-Form (letzter Zugriff 31.05.2021).

[8] Vgl. Büssing, Stefanie: „‚Hiobsbotschaften‘ in ungewöhnlichem Ambiente. Bis zum 8. Oktober sind in der Petrikirche 40 Arbeiten des Künstlers zu sehen“, in: Ostseezeitung, 11. 09. 2017, www.ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Kultur/Hiobsbotschaften-in-ungewoehnlichem-Ambiente (letzter Zugriff 30.04.2019). Es wird weder der Redakteurin beim Schreiben noch einem größeren Teil der Leserschaft entgangen sein, dass die Hiobs- und Leidensthematik an diesem Symbol-Datum eine Art besonders bitteren Beigeschmack erhalten.

[9] Vgl. Büssing: „Dichtung“.

[10] Seine Reihe „Inferno“ bspw. ist inspiriert durch Dantes Göttliche Komödie entstanden. Vgl. Büssing: „Dichtung“; udo-rathke.de/installationen/index.html (letzter Zugriff 31.05.2021).

[11] Zitat Rathke in: Büssing: „Hiobsbotschaften“.

[12] Vgl. ebd.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Löw, Martina: Raumsoziologie, Frankfurt a. M. 92017, S. 158-161.

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