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Handlungs­rahmen – Hybride Räume der Kunst und Religion

Insbe­sondere in Gebieten mit einem geringen Kirchen­mitglied­schafts­anteil inner­halb der Bevöl­kerung (z.B. Mecklen­burg-Vor­pommern) zählt die alter­native Nutzung von Kirchen­gebäuden als freie Orte der Kunst und Kultur inzwischen zum Üblichen. Hin­sichtlich der dort situierten Praxis hat sich eine größere Deutungs­offen­heit heraus­gebildet, die es ermög­licht, dass selbst Gottes­dienste und An­dachten unter bestimmten Voraus­setzungen, wenn sie beispiels­weise eine Aus­stellung eröffnen oder ein Festival begleiten, als Kultur­programm wahr­nehmbar sind.[1] Anderer­seits wird hier viel­fach einem öffent­lichen Publi­kum – jenseits von Liturgie und Predigt – über künst­lerische Produk­tionen die Aus­ein­ander­setzung mit anthropo­logischen Grund­fragen eröffnet, teils unter expli­ziter Bezug­nahme auf die biblische Text­tradition. Ob letztere aller­dings wie bei den im Weiteren vorge­stellten Fällen von den Kunst­schaffen­den als „hoch­rangige, Jahr­tausende alte Literatur“ (Udo Rathke), dem Gebiet der „Mythen und Märchen“ (Peter Glas, vgl. Juli-Thema) zuge­hörig oder als Zeugnis der eigenen Religion und Glaubens­zuge­hörig­keit verstan­den und verwen­det wird, variiert in gegen­wärtiger Praxis ebenso indivi­duell wie die Rezeptions­weise der präsen­tierten Werke. Was für die Eine ein freies Reflexions­spiel mit Assoz­iationen „im allge­mein huma­nistischen Sinn“[2] anstößt, mag für den Anderen zutiefst religiöse Empfin­dungen freisetzten und den Sinn von Glaubens­inhalten wider­spiegeln. Die symbo­lischen Formen und sozialen Felder Kunst und Religion kommen dann in einem aufs Ganze gesehen nicht exakt bestimm­baren Verhältnis gemeinsam zum Ausdruck, so dass in theo­retischer Perspek­tive von einem kulturel­len Hybrid sowohl mit Blick auf das künst­lerische Werk zum Bibel­text, als auch mit Blick auf Werke der Kunst an sakralen Orten ge­sprochen werden kann.[3] In der Praxis ist eine solche Unter­scheidung meinst nicht von Bedeutung und wird kaum erfragt. Für die reflek­tierte und professio­nelle Praxis­gestal­tung ist sie gleich­wohl von Belang.

Für ein produk­tives Auf­nehmen der Spannung inner­halb dieser sich so konsti­tuieren­den hybriden Inter­aktions­räume ist eine symme­trische Beziehung zwischen Akteurinnen und Akteuren der Kunst und der Religion wesent­lich. Dies scheint heute noch immer nicht selbst­verständ­lich.[4] Praktiken von Kunst und Religion treten mindes­tens seit dem 19. Jahrhundert immer wieder in Konkur­renz zueinander.[5] Doch ist auf gesellschaft­licher Ebene ein Lern­prozess gegen­wärtig im Fort­schreiten begriffen, bei dem es darum geht, die An­sprüche einer­seits auf ästhe­tische Frei­heit des Aus­drucks, anderer­seits auf Rück­sicht gegen­über religi­ösen Bedeu­tungen, Gefühls­lagen und Erwar­tungen wechsel­seitig zu respek­tieren.[6] Kirchen­gebäude sind aller­dings alles andere als White Cubes.[7] Was hier gezeigt wird, hat immer einen zeichen­haften Kontext, der kaum auszu­blenden ist, sondern mitspricht,[8] potentiell auch ganz konkret als verbale religiöse Kommuni­kation wie bei einer Predigt zur Vernissage. So entsteht für die subjektive Wahr­nehmung eine Resonanz[9] zwischen Werk und Kontext oder auch zwischen Werk und einer dadurch inspirierten religiösen Praxis. Die Art und Weise dieser Resonanz ist ein gutes Stück weit von kulturel­len Codierungen abhängig und so als Möglich­keit beschreib­bar. Wird bei einer solchen Beschrei­bung sensibel mit Fragen der Deutungs­macht von Kunst bzw. Religion umge­gangen, so ist dieses Vorgehen unbedingt zu unter­scheiden von einer Verein­nahmung – beispiels­weise eines Kunst­werkes durch eine für absolut genom­mene religiöse Deutungs­variante und der damit verbun­denen Unter­stellung einer dem Werk imma­nenten religiösen Dimension.

 

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Fußnoten

[1] Vgl. Käckenmeister, Thomas: „Außeralltägliche Performanz als Merkmal religionshybrider Phänomene“, in: Berger, Peter A./Hock, Klaus/Klie, Thomas (Hg.): Religionshybride. Religion in posttraditionalen Kontexten, Wiesbaden 2013, S. 203-216.

[2] Büssing, Stefanie: „Hiobsbotschaften in ungewöhnlichem Ambiente. Bis zum 8. Oktober sind in der Petrikirche 40 Arbeiten des Künstlers zu sehen“, in: Ostseezeitung vom 11.09.2017, ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Kultur/Hiobsbotschaften-in-ungewoehnlichem-Ambiente (letzter Zugriff 31.05.2021).

[3] Vgl. A. Mickan, Kunst-Religion.

[4] Vgl. Zybok, Oliver: „‚Am Nullpunkt der Religion‘. Kunst in der Kirche“, in: Mickan/Klie/Berger (Hg.): Räume, S. 113-129.

[5] Vgl. z.B. die literaturwissenschaftliche Perspektive von Auerochs, Bernd: Die Entstehung der Kunstreligion, Göttingen 22009, bes. S. 71.

[6] Vgl. Zybok, „Am Nullpunkt“; Mertin, Andreas: „Die Erfahrungsräume ‚Kunst‘ und ‚Religion‘. Überlegungen zu ihren Gemeinsamkeiten und Differenzen, in: Mickan/Klie/Berger (Hg.): Räume, S. 97-112.

[7] Auf eine gewissen Ausnahme, d.h. das Arbeiten mit zurückhaltenden weißen Wänden bei der Gestaltung liturgischer Räume in der ersten Hälfte des 20. Jh., sei an dieser Stelle hingewiesen. Sie betrifft insbesondere Arbeiten des Architekten Rudolf Schwarz, die im Zusammenwirken mit Romano Guardini entstanden. Vgl. Schwarz, Rudolf: „Liturgie und Kirchenbau“, in: burg-rothenfels.de/fileadmin/Mediendatenbank/70_Wer_wir_sind/Burgbrief_konturen/konturen_Burgbrief_02_2004.pdf (letzter Zugriff 30.04.2019), S. 6-16. – Vgl. zum Mitsprechen von (Kirchen)Architektur Fischer, Joachim: „Gebaute Welt als schweres Kommunikationsmedium der Gesellschaft. Architektur und Religion aus architektursoziologischer Perspektive“, in: Karstein, Uta/Schmidt-Lux, Thomas (Hg.): Architekturen und Artefakte. Zur Materialität des Religiösen, Wiesbaden 2017, S. 49-69.

[8] Vgl. Fischer, Joachim: „Interphänomenalität. Zum Erscheinungsverhältnis von Gesellschaft“, in: Mickan/Klie/Berger (Hg.) Räume, S. 21-43, hier bes. S. 41.

[9] Vgl. zu Resonanz als Beziehungsmodus Rosa, Hartmut. Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016, S. 298.

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