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Ab September 2020 finden Sie hier in monatlich neuen Beiträgen kritisch Nachgedachtes zu Kirche, Kultur und Gesellschaft.

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Urlaubspause im August

Schöne Grüße vom Fahrradurlaub in Schleswig-Holstein! Das Wetter ist schön, das Nordseewasser belebend und die Beine halten trotz vielen Gegenwindes noch munter durch.

Bis zum September mit einem neuen Beitrag,

Antje M. Mickan 

Julithema 2022

Befreit in der Ecke stehen?

Vom repräsentativen Platz, quasi aus der ersten Reihe, weggeräumt zu werden, tut normalerweise weh. Und es kann auch weh tun, wenn man ein solches Geschehen miterlebt, nicht nur aus Empathie und Mitleid, sondern auch weil dann an diesem Platz für die eigene Person etwas Lieb-Gewonnenes vermisst wird. Ja, genau, von einem solchen Fall möchte ich erzählen. Bei dem weggeräumten Etwas handelt es sich zwar „nur“ um ein steinernes Ding, aber dies mit menschlicher Gestalt.

Jahrelang stand die „Große Sinnende“ am Eingangsportal der Klosterkirche Riddagshausen. Mit leicht geneigtem Haupt, ruhigen Gesichtszügen, ein wenig nach unten gebogenen Mundwinkeln spiegelt die 2,5 Meter große Gewandfigur von Holger Lassen einen Ausdruck von Besinnlichkeit ebenso wie von Traurigkeit. Wer fröhlich zum Gottesdienst in die Kirche ging, kam an ihr vorbei und konnte durch den Anblick dieses Bildnisses einer jungen Frau mit altmodischer Kleidung leicht zu Gedanken an das weniger Fröhliche des Lebens und die gerade jetzt Traurigen angeregt werden. Sie stand einfach da, sehr aufrecht, absolut still, wie in sich gekehrt und wie eine heilige Maria, der Namenspatronin dieser Kirche. Kaum jemand wird auf die Idee gekommen sein, diese anmutende Figur selbst mit Händen zu berühren. Trauernde mögen in ihr eine Art Schwester gesehen haben, die zeigt, dass sie in ihrem Leid nicht alleine sind. Nun ist St. Mariae zu Riddagshausen allerdings eine sehr beliebte Trau- und Taufkirche, so dass die gefeierten Kasualien deutlich mehr dem freudvollen Lob gewidmet sind als der Klage.

Eines Tages war „Maria“, wie ich sie hier nennen möchte, verschwunden. Ich kam auf den Gedanken, dass man sich über sie beschwert hatte, weil sich die lustigen Gesellschaften durch sie gestört sahen. Eine Mahnung am Jubeltag, das muss doch nicht sein. Was sollte man den Kindern sagen, wenn die fragten, warum da so ein trauriges Weib an der Tür steht? Diese Vorstellung lag für mich nahe, denn es ist ja nicht so, dass diese Erscheinung nicht auch mir schon einmal als allzu aufdringlich zurückhaltend in ihrem offensichtlichen Unglück erschienen wäre. Dann habe ich sie aber wiedergefunden und war pikiert über die Tat der Verantwortlichen. Man hatte sie fast in die hinterste Ecke des Klostergartens geräumt. Wenn auf der großen Wiese nun etwa zum Erntedankmarkt oder Pfingstfest das Leben tobt, mag Maria ganz vom Rande her zusehen und steht mit ihrer ausströmenden Traurigkeit niemandem im Weg.

Und dann bemerkte ich etwas Eigenartiges. Was mir noch nie zuvor aufgefallen war, geschah. Jemand hatte Maria ein Sträußchen selbst gepflückte Blumen in die Hände gelegt. Ein andermal trug sie einen Kranz aus Gänseblümchen und augenblicklich hält sie eine weiße Kerze in der Hand. Da hinten in der Ecke im Klostergarten ist sie berührbar, besuchbar, man kann mit ihr reden und sie scheint still zuzuhören. Wenn die Sonne hell strahlt, strahlt auch ihre Traurigkeit sehr intensiv. Im Winter, gerade mit Schnee auf dem Haupt, scheint sie zu warten. Es tut gut, sich zu ihr zu gesellen, sie ein wenig zu trösten oder sich mit ihr zusammen nach etwas zu sehnen.

Für mich, und wohl nicht für mich allein, ist eine Spannung entstanden zwischen ihrem alten und ihrem neuen Platz, die nun aber ganz neue praktische Möglichkeiten schafft. Die Ecke der alten Klostermauer mit dem kirschähnlichen Baum ohne Kirschen daneben ist doch eine schöne Stelle, um dort vorbei zu gehen, Maria zu besuchen und dann beispielsweise an den unweit wachsenden duftigen Rosen zu schnuppern.

Antje Martina Mickan

Umgebung des ehemaligen Standorts der "Großen Sinnenden"

Themen der Vormonate

Texte aus 2022

Junithema: Die Erzählung vom Garten Eden neu wahrnehmen

Auszeit von März bis Mai 2022

Podcasts aus 2022 und 2021

Februar: Sich etwas Schönes gönnen

Januar: Geschichten von der Seefahrt

Dezemberthema: Zeit

Novemberthema: Gedanken zur Wolfsstunde

Oktoberthema: Löffelberge

Septemberthema: Trendfarbe grau?

Texte aus 2021

Augustthema: Zeit für eine Pause mit Gedanken von Jakob Haringer (1898-1948): Sommerlied

Julithema: Bildliche Erinnerungen an die Wendezeit im Dialog mit skulp­turalen biblischen Szenen

Junithema: Leidenswege: visualisiert, performiert, erinnert

Maithema: Zeichenspiele in der Seelsorge mit Älteren

Aprilthema: Gespräche über das eigene Grab

Märzthema: Letzte Zeichen. Kulturelle Bestattungs­formen typo­lo­gisiert und gedeutet

Februarthema: Altersbilder in Geschichte und Gegenwart

Januarthema: Weisen von Ansehen und Anschauung – oder: Was gilt’s, wer ich bin, wer du bist und was die anderen von uns halten?

aus 2020

Dezemberthema: Ein soziodramatisches Biliodrama

Novemberthema: Konstruktionen des Weiterlebens. Postmortalitätsvorstellungen in Verangangenheit und Gegenwart

Oktoberthema: Brot und Wein aus der Tüte (essayistische Rückbesinnung auf einen Gottesdienst am Erntedanksonntag)

Septemberthema: Generationenbeziehungen und ein Friedensprélude

Was ist Praktische Theologie?

"Erinnerungsfarben" sind Projekt einer Praktischen-Theologin. Womit sich Praktische Theologie konkret befasst und was dieses Fach als wissen­schaftliche Perspektive aus­zeichnet, wird hier anhand aktueller Beispiele ab September in monatlich neuen Beiträgen vorgestellt. Eine Kurz­beschreibung der "PT" führt außerdem in das Fach ein.

 

Erinnerungsfarben steht für kompetente Supervision, kreatives Psychodrama und wissenschaftliches Arbeiten.

Auf Erinnerungsfarben finden Sie fortlaufend neue Beiträge zu Theologie, Psychodrama und Erinnerungskultur.

Beachten Sie die Monatsthemen unter "Theologie praktisch" nun auch im neuen Format Podcast und viertel­jährlich wechselnde Artikel über Exemplarisches aus dem Feld der Erinnerungs­kultur zwischen Kunst und Religion! Im April startet eine Dokumentation über die sozio­dramatische Arbeits­gruppe der DFP-Zukunfts­werkstatt.