Neues Themenfeld 2025
Vorbemerkung:
Bei den nachfolgenden Darstellungen greife ich auf exkursartig einzuordnendes Texmaterial meiner Forschungsarbeit zu “doing space | doing memory | doing church” zurück, das ich für die Verlagspulikation dieser Arbeit zu einem größeren Teil auskopple und daher hier jetzt schon frei präsentieren kann.
Antje Martina Mickan
Michael Tippett und sein Oratorium "A Child of Our Time"
„I would know my shadow and my light, so shall I at last be hole“ (Tippett 1941/44)
Der britische Komponist Michael Tippett (1905-1998) hat mit seinem Oratorium „A Child of Our Time“ den Ereignissen, die 1938 der Reichpogromnacht vorausgingen und in unvorstellbar menschenverachtende Verfolgung jüdischen Lebens mündeten, ein musikalisch-poetisches Gedächtnis geschaffen. Die 1941 abgeschlossene und 1944 uraufgeführteKomposition aus Text und Musik steht unter dem Motto „I would know my shadow and my light, so shall I at last be hole“. Tippett nimmt dabei Konzepte christlicher Religionskultur auf und weitet sich in meinem von C.G. Jung inspirierten Ansatz in eine spirituelle Philosophie. Sie ist geleitet von der auch durch Erfahrung erlangten Einsicht, dass mit der Annahme von als “dunkel” oder ungewollt und verborgenen Seiten des eigenen Ichs, der Mensch nicht nur in ein wahrhaftigeres, stärkeres, kreativeres Persönlichkeitsgleichgewicht geraten kann, sondern dass Analoges auch für Kollektive wie Gesellschaften, Kulturen oder Nationen gilt. In einer Zeit eines wieder erstarkenden Totalitarismus ist die Stimme Tippelt ein ungemein wichtiger Beitrag mit kontrafaktiver Kraft, an die hier erinnert werden soll.
Aus künstlerischer Sicht handelt es sich um dasjenige Frühwerk, mit dem Tippett seinen ersten großen Erfolg erlebte, von dem ausgehend er sich musikalisch allerdings über Jahrzehnte hinweg mehrfach neu entwickelte (vgl. die Übersicht der Michael Tippett Musical Foundation). Wie sein Biograph Oliver Soden berichtet, sprach Tippett selbst in späteren Jahren in Bezug auf sein Oratorium öfter vom „silly old Child“, das er im Wissen um die nachfolgenden historischen Ereignisse des nationalsozialistischen Terrors wie auch der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki so nicht hätte schreiben können (vgl. u.a. Soden 2019, S. 346). Es ist aus heutiger Sicht aber durchaus sehr aufschlussreich, gerade dieses aus einer pazifistischen Haltung entspringende Werk im Zusammenhang mit Tippetts biographischer Entwicklung bis zur Uraufführung 1944 in London etwas genauer zu betrachten. Die konkrete kompositorische Arbeit lässt sich zwar auf die Jahre zwischen 1939 und 1941 eingrenzen. Wenn man jedoch auch Tippetts Entwicklung als diejenige eines besonderen Menschen seiner Zeit mit seinen bestimmten Beziehungen und Erfahrungen in den Blick nimmt, zeigt sich eine viel längere, komplexere und gerade heute ungemein spannende Entstehungsgeschichte. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Tippett nach einigem Hin und Her (dazu später mehr) das Libretto seines Oratoriums selbst verfasst hat, was im Übrigen von dort ausgehend für alle seine nachvolgenden Vocalwerken wie etwa den Opern “Midsummer Marriage”, “King Priam” und “The Ice Break” gilt.
Aus welchem Elternaus Tippett kam, welche Erfahrungen in Schule, Hochschule und in einem avantgardistischen Milieu ihn beeinflussten, welche Beziehung gerade auch zu Deutschland seine pazifistische Sicht auf die Ereignisse im Europa der 1930er Jahre beeinflusste und wie sich die Entdeckung seiner eigenen Homosexualität auf seine Kunst befreiend auswirkte, lesen Sie auf dieser Seite als eine Art Fortsetzungsstory, die sie sich eine analytische Auseinandersetzung mit dem Oratorium „A Child of Our Time“ anschließen wird.
Sinnigerweise beginne ich das erste Kapitel mit Tippetts Herkunft und Kindheit.
Frühe Jahre (1905 bis 1922)
Michael Tippett wurde am 2. Januar 1905 in einem Londoner Krankenhaus als zweites Kind von Henry William Tippett (1858-1944) und Isabell Clementina Binny Kemp (1880-1969) geboren.[1] Zusammen mit seinem ein Jahr älteren Bruder Peter wuchs er in Suffolk auf dem Land auf.
Neben dieser lebenslang bedeutsamen Beheimatung in der englischen „countryside“[2] lernte er schon früh das Ausland kennen, denn seinem Vater, ein Anwalt und Unternehmer, war über Finanzgeschäfte ein Hotel an der französischen Côte d’Azur (Cannes) zugefallen, wo die Familie zumeist ihre Ferien verbrachte.[3]
Als das Hotel während des Ersten Weltkrieges zur Aufnahme von Verwundeten diente und keine Einnahmen erzielte, verkaufte Henry Tippett das Haus in Suffolk (Rosemary Cottage) und zog 1919 mit seiner Frau ganz auf den Kontinent, zuerst nach Frankreich, später nach Corsika, Italien, Yugoslavien und Deutschland,[4] während die Kinder weiter in England zur Schule gingen.[5] So nahm man in der Familie Tippett-Kemp[6] stärker als für Engländer üblich das Leben auf dem europäischen Kontinent wahr und ermöglichte den Kindern Reisen ins europäische Ausland. Schon mit neun bis zehn Jahren soll Michael bereits ein versiertes Französisch gesprochen haben.[7]
In seinem Elternhaus kam Michael Tippett früh mit einer kritischen Denkhaltung und einem Engagement für sozial-politische Belange in Berührung.[8] Ian Kemp[9] beschreibt Henry Tippett als einen Agnostiker, der auch bei seinen Kindern ein unabhängiges Denken förderte.[10] Isabell Tippett sei in jüngeren Jahren den Konventionen entsprechend religiös gewesen und habe dafür gesorgt, dass ihre Kinder die lokale Pfarrkirche besuchten, wo Michael gerne zum Singen ging. Sie habe unter Einfluss ihres Mannes später aber ebenfalls eine eher agnostische Haltung vertreten. David Matthews ergänzt zu Isabel Tippetts religiöser Entwicklung: „Later she became a disciple of the theosophist Rudolf Steiner and practised spiritual healing.“[11] Besonders zwischen 1909 und 1923 ist von ihr eine schriftstellerische Aktivität bekannt.[12] Einen besonderen Eindruck wird die Beteiligung seiner Mutter am Kampf für das Frauenwahlrecht in England bei Michael Tippett hinterlassen haben. Aus diesem Grund wurde sie 1913 für zwei Wochen inhaftiert. [13] Vom achtjährigen Michael ist ein Zitat überliefert, in dem er sich argumentativ dazu äußert, dass es unhaltbar sei, den Frauen das Wahlrecht zu verweigern.[14]
Als Kind sei Michael Tippett kürzere Zeit lang überzeugt gläubig gewesen, meint Kemp und schreibt dazu: „he excitedly communicated his feelings to his parents, informing them that they should realise there really was a God and that accordingly they should adapt to his way of thinking. But soon he became an agnostic too – and a precocious one: while still at preparatory school he wrote and circulated a small tract refuting deism.“[15] Als Jugendlicher zeigte er sich in seiner Schule gegenüber religiösen Pflichten widerständig, boykottierte einmal zwei Wochen lang die Hausgebete. Gleichzeitig faszinierten ihn aber laut Kemp katholische Messen mit ihrer Dramatik sowie ihren dramatischen Möglichkeiten.[16] Und Kemp benennt als weitere intensiv verfolgte Interessengebiete dieser Zeit „old furniture, architecture, occultism, pogostickes, mesmerism, drama“[17].
Ein erschreckendes und einsichtsvolles Erlebnis über die Realität des Weltkrieges von 1914-1918 ergab sich für den Teenager 1921,[18] als er mit einigen Freunden die Kinoaufführung des Stummfilms „The Four Horseman of the Apocalypse“ besuchte,[19] mit einem Schlussbild von den Gräberfeldern in Flandern, „endless rows of little white crosses“[20]. Dieser Film brachte ihn zu neuen Einsichten über das tatsächliche Ergebnis vom Auszug junger, singender Männer in den Krieg. Tippett schreib dazu rückblickend: „This fraticidal war in the heartland of Christian Europe was difficult to comprehend: I knew that, as well as identifying with the victims, I must work with others towards ensuring a climate of opinion in which a repetition of such brutalities would never be acceptable.“[21]
Im Umfeld seiner Schule in Stanfort gelangte Michael Tippett ab 1920 mit verschiedenen Musikrichtungen in Kontakt. Einen besonderen Eindruck hat Maurice Ravel’s Suite „Ma Mére l’Oye“ bei ihm hinterlassen. Es handelte sich um das erste Stück aus dem 20. Jahrhundert, das er hörte.[22] Dieses Erlebnis bestärkte vermutlich seinen Wunsch, Komponist zu werden, den er ab 1922 offen kommuniziert, der aber wohl schon aus der Kindheit stammte.[23] Zwar wurde dies in seinem Umfeld zunächst nicht ernst genommen, man war aber der Ansicht, dass eine Ausbildung zum Pianisten im Bereich des Möglichen sei.[24]
Antje Martina Mickan